Windkraftwerke im Aargau: Die Zahlen aus der Praxis sind katastrophal

Der Aargau verfügt Stand Sommer 2014 erst über eine erwähnenswerte Windkraftanlage. Es handelt sich dabei um eine Kleinwindanlage vom Typ “AIRCON 10” in Schmiedrued-Walde mit 10 KW Nennleistung.  Die AIRCON 10 wurde von der Firma Luventa GmbH gebaut und mit viel Trara unter Beizug des abtretenden Baudirektors des Kanton Aargau eingeweiht. Salbungsvolle Worte wurden bei der Einweihung gesprochen.

Thomas Leitlein, FWA: “Vor 40 Jahren begeisterte die erste Mondlandung des Apollo- 11-Teams die Menschen … … Eine neue Art der Stromgewinnung hält hier in Schmiedrued-Walde nun im Aargau Einzug. Mögen weitere Projekte im Kanton folgen, welche dem neuen Zeitgeist der nachhaltigen Energiegewinnung verpflichtet sind, damit unsere Nachfahren stolz auf das Geleistete sein können, ohne sich über die Altlasten Sorgen machen zu müssen.”

Seit diesem “grossartigen Tag”  hört man nichts mehr aus Schmiedrued. Es herrscht Totenstille um die Meldungen zu dieser Anlage. Kaum ein Mensch weiss, wieviel das Windrad bisher an Strom hat herstellen können. Selbst die Meteotest kann nicht weiterhelfen. Es ist vielleicht auch besser so. Es handelt sich um ein “betretenes Schweigen” und es ist anzunehmen, dass die Zahlen dermassen schlecht sind, dass man bei der Schweizer Windradlobby darüber lieber den Mund hält.

In Diegenstal werden die Zahlen nicht versteckt

Eine grössere Windkraftanlage vom Typ “HSW-30” mit 30 KW Nennleistung findet sich in Diegenstal, das sich nur wenige Kilometer von der aargauer Kantonsgrenze entfernt und in der Nähe von Schmiedrued befindet. Seit dem Jahr 2006 läuft die mehrmals reparierte und schliesslich ersetzte Anlage einigermassen regelmässig. In der Dokumentation des Betreibers (Domain aktuell nicht mehr verfügbar) fand sich die Angabe zur jährlichen Leistung von immerhin 18’000 KWh. Wir können das gut nachprüfen, denn im Gegensatz zu der Anlage in Schmiedrued sind hier die Zahlen erhältlich. Sogar auf zwei Plattformen: Bei Meteotest und beim Betreiber.

Das Ergebnis sieht schlecht aus

Rechnen wir die jährlichen Erträge zusammen und teilen wir sie durch die Anzahl Jahre, erhalten wir die durchschnittliche Jahresleistung der Anlage in Diegenstal: Aufgerundet erhalten wir so 9’600 KWh Strom jährlich. Weil das Jahr 2012 noch ohne den windreichen Dezember gezählt wurde, haben wir für das Jahr 2012 einen realistischen Wert von 8’500 angenommen. Aber wie haben die Betreiber wohl die imaginäre und im Prospekt erwähnte Produktionsmenge von 18’000 KWh pro Jahr errechnet? Diese Menge wurde während der gesamten Laufzeit (seit 2006) nicht einmal annähernd erreicht (2007: 16’213).

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Eins Komma acht Haushalte à 5.3 MWh

Mit dieser durchschnittlichen Jahresstrommenge hätte man demnach gerade mal den Jahresverbrauch von 1.8 Haushalten bereitstellen können. Weil der Wind aber meistens nicht weht, wenn so ein Haushalt Strom benötigt, ist auch diese Angabe noch um Faktoren geschönt. Diese Anlage speist zwar in das Netz der CKW “über den Regiomix” ein. An den Steckdosen der Verbraucher dürfte davon nicht viel mehr als NICHTS ankommen. Noch etwas weniger als NICHTS, wenn der erzeugte Strom auch noch verbraucht werden soll.

Das hindert die CKW nicht daran, die volle Jahresproduktion ohne Abzug an ihre Grünstromkunden zu verkaufen. Schliesslich machen das die EKZ und die BKW genauso mit ihrem imaginären Windstrom. Imaginär weil er eigentlich zu 99% aus konventioneller Stromproduktion stammt. Mit einer gesunden Prise Kohle- und Gasanteil. Das ist trotzdem ganz nett, denn grüner Atomstrom gibt den vielen Elektrobike-Besitzern in unserem Kanton ein wohliges Gefühl des gelebten Umweltschutzes. Wir bestätigen es gerne: Atomstrom ist wesentlich umweltfreundlicher als Windstrom. Der kleine Haken daran ist, dass mit dem Umweg über die Windräder der Strom etwas gar teuer wird. Aber schauen wir weiter nach dem Grund des Disasters in Diegenstal:

Es liegt nicht an der Anlage, es liegt am fehlenden Wind

Um herauszufinden, ob es an der Anlage liegt oder am fehlenden Wind müssen wir mehr Angaben haben. Wir finden sie in der technischen Referenzliste: Dieser Anlagentyp wird in der Referenzliste des deutschen EEG-Gesetzes mit einem Referenzertrag von 302’064 KWh angegeben. Das ist die erwartbare Fünfjahresproduktion bei einem durchschnittlich in Deutschland zu erwartenden Windaufkommen. Weil die Anlage im aargauischen Diegenstal aus der Sicht der Windradfreunde als sehr gut bewindet gilt, müsste sie entsprechende Werte aufweisen. Doch weit gefehlt! Entgegen der euphorischen Prognose der Windradlobby und der vor sich hin träumenden CKW hat diese Anlage während den letzten fünf Jahren lediglich 54’788 KWh produziert (2007-2011)! Der kritische Betrachter wird beim nachrechnen feststellen, dass wir die schlechten Produktionsjahre 2006 und 2012 dabei fairerweise nicht berücksichtigt haben.

18.14% der Durchschnittsleistung bedeuten in den Kantonen Aargau und Luzern “es hat genug Wind

Der Praxisvergleich zeigt, dass im aargauer und luzerner Mittelland lediglich die Hälfte des deutschen Referenzwindaufkommens nachweisbar ist. Daraus resultiert theoretisch etwa ein Sechstel der Jahresproduktionsmenge. In der Praxis bestätigt sich das mit den obigen 18.14% des Windrades in Diegenstal. Wir können die grössten Windräder aufstellen, die auf dem Markt erhältlich sind. Sie werden trotzdem nur einen Bruchteil der Leistung erbringen, den sie unter normalen Bedingungen – sprich mit genug Wind – leisten würden. Der Kanton Aargau ist deshalb kein Windkanton. Die Schweiz ist deshalb kein Windland.

Ich freue mich auf die stolze Veröffentlichung der Leistungsdaten des Windrades von Schmiedrued und erwarte ungeduldig die neuen Ausreden und die phantasievollen Wortkreationen der Windradfreunde um diesen Missstand schönzureden.

1 Kommentar von "Windkraftwerke im Aargau: Die Zahlen aus der Praxis sind katastrophal"

  1. Frof. Dr. Hans Schweizer, Schluttenbach's Gravatar Frof. Dr. Hans Schweizer, Schluttenbach
    8. Januar 2013 - 14:52 | Permalink

    Liebe Freunde,
    hier am Nordrand des Nordschwarzwalds bin ich einer der Mitwirkenden bei der Verhinderung von Windkraftwerken an ungeeigneten Stellen (Landschaft, Naherholung, Wohngebiete). Ich danke Ihnen herzlich für das Material und die guten Ausarbeitungen, die ich unserer Gruppe Lebensraum Schluttenbach (und den Gruppen der betroffenen Nachbardörfer Völkersbach und Freiolsheim) weitergeben werde. Die Grüne Regierung in Baden-Württemberg hat ein Gesetz verabschiedet, wonach jede Gemeinde Vorranggebiete ausweisen muss, auf denen von jedem WKWs gebaut werden dürfen.
    Wenn eine Kooperation gewünscht wird: gerne!
    (Ich selbst war Leiter der Umwelttechnik an der Dualen Hochschule Karlsruhe bis zu meiner Pensionierung und habe als Ortsvorsteher und Gemeinerat in Ettlingen ein fest geplantes WKW verhindert)
    Die in unserer näheren Umgebung geplanten Anlagen (6 bis 18) haben Gesamthöhen von 199 Metern (Enercon 126). Ein Effelturm (301 Meter ohne Antenne) hat den Vorteil, keinen pulsierenden Lärm, keine intermittierenden Schlagschatten und keinen Eisweitwurf zu produzieren.

    Ciao, Ihr Hans Schweizer

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1 Trackback von "Windkraftwerke im Aargau: Die Zahlen aus der Praxis sind katastrophal"

  1. am 29. Dezember 2012 um 21:00