{"id":1401,"date":"2010-10-01T08:42:21","date_gmt":"2010-10-01T08:42:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.windland.ch\/wordpress\/?p=1401"},"modified":"2014-04-03T11:00:52","modified_gmt":"2014-04-03T11:00:52","slug":"des-kaisers-neues-windrad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.windland.ch\/wordpress\/?p=1401","title":{"rendered":"Des Kaisers neues Windrad"},"content":{"rendered":"<p><span><em>Frei nach Hans Christian Andersen, ein wenig ver\u00e4ndert durch den Autor<\/em><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span>Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Energieformen hielt, da\u00df er all sein Geld daf\u00fcr ausgab, um sich bei der Bev\u00f6lkerung recht gr\u00fcn und umweltfreundlich darzustellen. Er k\u00fcmmerte sich nicht um seine Soldaten, k\u00fcmmerte sich nicht um Theater und liebte es nicht, in den Wald zu fahren, au\u00dfer um seine neuen Windr\u00e4der zu zeigen. Er hatte ein Windrad auf jedem H\u00fcgel seines Landes, und ebenso wie man von einem K\u00f6nig sagte, er ist im Rat, so sagte man hier immer: &#8222;Der Kaiser schaut seine Windr\u00e4der an!&#8220;<\/span><\/p>\n<p>In der gro\u00dfen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betr\u00fcger, die gaben sich f\u00fcr Energiefachleute aus und sagten, da\u00df sie das sch\u00f6nste Windrad, was man sich denken k\u00f6nne, zu bauen verst\u00fcnden. Die Rotoren und der Turm seien nicht allein ungew\u00f6hnlich sch\u00f6n, sondern die Windr\u00e4der, die derart gebaut w\u00e4ren, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, da\u00df sie f\u00fcr jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht f\u00fcr sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.<\/p>\n<p>&#8218;Das w\u00e4re ja ein pr\u00e4chtiges Windrad&#8216;, dachte der Kaiser; wenn ich ein solches h\u00e4tte, k\u00f6nnte ich ja dahinterkommen, welche M\u00e4nner in meinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich k\u00f6nnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug mu\u00df sogleich f\u00fcr mich gebaut werden!&#8216; Er gab den beiden Betr\u00fcgern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.<\/p>\n<p><span>Diese stellten auch zwei Kr\u00e4ne auf, taten, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das Geringste auf den Seilen. Trotzdem verlangten sie die feinsten Metalle\u00a0 und das pr\u00e4chtigste Gold, das steckten sie aber in ihre eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Kr\u00e4nen bis sp\u00e4t in die Nacht hinein. <\/span><\/p>\n<p>&#8218;Nun m\u00f6chte ich doch wissen, wie weit sie mit dem Zeuge sind!&#8216; dachte der Kaiser, aber es war ihm beklommen zumute, wenn er daran dachte, da\u00df keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es sehen k\u00f6nne. Er glaubte zwar, da\u00df er f\u00fcr sich selbst nichts zu f\u00fcrchten brauche, aber er wollte doch erst einen andern senden, um zu sehen, wie es damit stehe. Alle Menschen in der ganzen Stadt wu\u00dften, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie unbrauchbar oder dumm ihr Nachbar sei.<\/p>\n<p>&#8218;Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Energieberatern senden&#8216;, dachte der Kaiser, er kann am besten beurteilen, wie das Windrad sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner versieht sein Amt besser als er!&#8216;<\/p>\n<p>Nun ging der alte, gute Minister zu dem H\u00fcgel, wo die zwei Betr\u00fcger standen\u00a0 und an den leeren Kr\u00e4nen arbeiteten. &#8218;Gott beh\u00fcte uns!&#8216; dachte der alte Minister und ri\u00df die Augen auf. &#8218;Ich kann ja nichts erblicken!&#8216; Aber das sagte er nicht.<\/p>\n<p>Beide Betr\u00fcger baten ihn n\u00e4her zu treten und fragten, ob er den imposanten Anblick dieses den H\u00fcgel verzierenden Rotors erkenne. Dann zeigten sie auf den leeren H\u00fcgel, und der arme, alte Minister fuhr fort, die Augen aufzurei\u00dfen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. &#8218;Herr Gott&#8216;, dachte er, sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht zu meinem Amte taugen? Nein, es geht nicht an, da\u00df ich erz\u00e4hle, ich k\u00f6nne das Zeug nicht sehen!&#8216;<\/p>\n<p>&#8222;Nun, Sie sagen nichts dazu?&#8220; fragte der einer von den Betr\u00fcgern.<\/p>\n<p>&#8222;Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!&#8220; antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. &#8222;Diese Fl\u00fcgel und diese geschwungenen Formen! &#8211; Ja, ich werde dem Kaiser sagen, da\u00df es mir sehr gef\u00e4llt!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nun, das freut uns!&#8220; sagten beide Energiefachleute, und darauf benannten sie den Turm mit Namen und erkl\u00e4rten das Funktionieren des Rotors. Der alte Minister merkte gut auf, damit er dasselbe sagen k\u00f6nne, wenn er zum Kaiser zur\u00fcckkomme, und das tat er auch.<\/p>\n<p>Nun verlangten die Betr\u00fcger mehr Metall, mehr Kr\u00e4ne und mehr Gold zum Bauen. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Kr\u00e4nen kam kein Teil, aber sie fuhren fort, wie bisher an dem leeren H\u00fcgel zu arbeiten.<\/p>\n<p>Der Kaiser sandte bald wieder einen anderen t\u00fcchtigen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Bauen stehe und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm aber gerade wie dem ersten, er guckte und guckte; weil aber au\u00dfer dem\u00a0 H\u00fcgel und den Kr\u00e4nen nichts da war, so konnte er nichts sehen.<\/p>\n<p>&#8222;Ist das nicht ein ganz besonders pr\u00e4chtiges und h\u00fcbsches St\u00fcck Zeug?&#8220; fragten die beiden Betr\u00fcger und zeigten und erkl\u00e4rten den schlanken Turm, der gar nicht da war.<\/p>\n<p>&#8218;Dumm bin ich nicht&#8216;, dachte der Mann; es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das w\u00e4re seltsam genug, aber das mu\u00df man sich nicht merken lassen!&#8216; Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude \u00fcber die sch\u00f6nen T\u00fcrme und die herrlichen Rotoren. &#8222;Ja, es ist ganz allerliebst!&#8220; sagte er zum Kaiser.<\/p>\n<p>Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem pr\u00e4chtigen Zeug. Nun wollte der Kaiser es selbst sehen, w\u00e4hrend es noch im Bau sei. Mit einer ganzen Schar auserw\u00e4hlter M\u00e4nner, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsm\u00e4nner waren, die schon fr\u00fcher dagewesen, ging er zu den beiden listigen Betr\u00fcgern hin, die nun aus allen Kr\u00e4ften bauten, aber ganz ohne Material.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, ist das nicht pr\u00e4chtig?&#8220; sagten die beiden ehrlichen Staatsm\u00e4nner. &#8222;Wollen Eure Majest\u00e4t sehen, welch sch\u00f6nen Turm, welch wunderbare Kurven?&#8220; und dann zeigten sie auf den leeren H\u00fcgel, denn sie glaubten, da\u00df die andern das Zeug wohl sehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&#8218;Was!&#8216; dachte der Kaiser; ich sehe gar nichts! Das ist ja erschrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das w\u00e4re das Schrecklichste, was mir begegnen k\u00f6nnte.&#8216; &#8222;Oh, es ist sehr h\u00fcbsch&#8220;, sagte er; &#8222;es hat meinen allerh\u00f6chsten Beifall!&#8220; und er nickte zufrieden und betrachtete einen leeren H\u00fcgel; er wollte nicht sagen, da\u00df er nichts sehen k\u00f6nne. Das ganze Gefolge, was er mit sich hatte, sah und sah, aber es bekam nicht mehr heraus als alle die andern, aber sie sagten gleich wie der Kaiser: &#8222;Oh, das ist h\u00fcbsch!&#8216; und sie rieten ihm, dieses neue pr\u00e4chtige Windrad das erste Mal bei dem gro\u00dfen Feste, das bevorstand, einzuweihen.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist herrlich, niedlich, ausgezeichnet!&#8220; ging es von Mund zu Mund, und man schien allerseits innig erfreut dar\u00fcber. Der Kaiser verlieh jedem der Betr\u00fcger ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu h\u00e4ngen, und den Titel Hofberater.<\/p>\n<p>Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem das Fest stattfinden sollte, waren die Betr\u00fcger auf und hatten sechzehn Lichte angez\u00fcndet, damit man sie auch recht gut bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Die Leute konnten sehen, da\u00df sie stark besch\u00e4ftigt waren, des Kaisers neues Windrad fertigzumachen. Sie taten, als ob sie das Zeug von den Haken n\u00e4men, sie schraubten in die Luft mit gro\u00dfen Werkzeugen, sie schweissten mit grossen Gesten und sagten zuletzt: &#8222;Sieh, nun ist das Windrad fertig!&#8220;<\/p>\n<p>Der Kaiser mit seinen vornehmsten Beamten kam selbst, und beide Betr\u00fcger hoben den einen Arm in die H\u00f6he, zeigten auf den leeren H\u00fcgel und sagten: &#8222;Seht, hier ist der Turm, hier ist der Rotor, hier ist der Strom!&#8220; und so weiter. &#8222;Es ist so sch\u00f6n wie eine Wolke; man sollte glauben, es stehe nichts auf dem H\u00fcgeln, aber das ist gerade die Sch\u00f6nheit dabei!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja!&#8220; sagten alle Beamten, aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da.<\/p>\n<p>&#8222;Belieben Eure Kaiserliche Majest\u00e4t eine Ansprache zu halten?&#8220;, sagten die Betr\u00fcger.<\/p>\n<p>Der Kaiser wandte sich mit einer grossen Geste zur Bev\u00f6lkerung und die Betr\u00fcger stellten sich in wichtiger Pose neben ihn.<\/p>\n<p>&#8222;Ei, wie gut es aussieht, wie herrlich es dreht!&#8220; sagten alle. &#8222;Welche Sch\u00f6nheit, welche Wichtigkeit! Das ist so eine kostbare und wichtige Anlage!&#8220; &#8211;<\/p>\n<p>&#8222;Seht, es ist vollbracht!&#8220; sagte der Kaiser. &#8222;Ist es nicht sch\u00f6n?&#8220; und dann wendete er sich nochmals zu dem Windrad; denn es sollte scheinen, als ob er es recht betrachte.<\/p>\n<p>Dann marschierte der Kaiser \u00fcber den pr\u00e4chtig bebauten H\u00fcgel, und alle Menschen auf der Stra\u00dfe und in den Fenstern sprachen: &#8222;Wie ist des Kaisers neues Windrad unvergleichlich! Welche Erhabenheit der Technik! Wie sch\u00f6n es aussieht!&#8220; Keiner wollte es sich merken lassen, da\u00df er nichts sah; denn dann h\u00e4tte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder w\u00e4re sehr dumm gewesen.<\/p>\n<p>&#8222;Aber da ist ja gar nichts !&#8220; sagte endlich ein kleines Kind. &#8222;H\u00f6rt die Stimme der Unschuld!&#8220; sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.<\/p>\n<p>&#8222;Aber da ist ja wirklich gar nichts!&#8220; rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: &#8218;Nun mu\u00df ich aushalten.&#8216; Und die Staatsm\u00e4nner gingen und bewunderten das Windrad, das gar nicht da war.<\/p>\n<p><em>Anm. d. Autors: Unser Kaiser und seine Staatsm\u00e4nner sehen bis heute nicht, dass sie Betr\u00fcgern aufgesessen sind. Kein Wind, wenig Strom, viel verschenktes Gold aus dem S\u00e4ckel der Stromkonsumenten. Und zu guter Letzt: Keine nachweisbare positive Wirkung f\u00fcr Natur, Mensch und Stromversorgung. Aber jeder hat Angst, der Erste zu sein, der die Wahrheit ausspricht. Er k\u00f6nnte ja dumm oder untauglich sein f\u00fcr das Amt!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frei nach Hans Christian Andersen, ein wenig ver\u00e4ndert durch den Autor Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Energieformen hielt, da\u00df er all sein Geld daf\u00fcr ausgab, um sich bei der Bev\u00f6lkerung recht gr\u00fcn und umweltfreundlich darzustellen. 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